Mox-Transporte: Waffenfähiges Plutonium mehr als 1000 Kilometer unterwegs durch Europa

MOX – das ist die Kurzform für “Mischoxid-Brennstoff”.
Was für den Laien harmlos klingen mag, bedeutet in der Kerntechnik die Notwendindigkeit von deutlich größeren Sicherheitsvorkehrungen aufgrund eines höheren Risikos.
MOX-Brennelemente beinhalten im Gegensatz zu “normalen” Brennelementen ein weiteres Oxid – meistens Plutoniumdioxid. Plutionium ist wegen der stärkeren Radioaktivität wesentlich gefährlicher als Uran. Würde bei einem Störfall im Atomkraftwerk Grohnde Plutonium frei, dann könnte schon das Einatmen weniger Milligramm tödlich wirken.
Zurzeit ist ein Transport von acht MOX-Brennelementen aus der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield zum Atomkraftwerk Grohnde unterwegs. Ein weiterer Transport soll im November folgen. Nach Informationen des AKW-Betreibers E.ON an die Anwohner enthalten beide Lieferungen 400 Kilogramm Plutonium.
Zum Vergleich: Für die Atombombe auf Nagasaki, die “Fat Man” wurden 6,2 kg Plutonium verwendet, wovon lediglich circa 20 Prozent, also knapp 1240 Gramm, im Fissions-Prozess gespalten wurden. Der Atompilz stieg 18 Kilometer hoch. Etwa 22.000 Menschen waren sofort tot, weitere etwa 39.000 starben innerhalb der nächsten 16 Wochen. Andere Schätzungen gehen von 70.000 bis 80.000 Toten aus.
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Vom frischen MOX-Brennelement zum Plutoniummetall, das vorzugsweise als Waffenstoff eingesetzt wird, bedarf es nur weniger Schritte. Prinzipiell wäre aber auch ohne chemische Umwandlung MOX für eine einfache Atomwaffe zu verwenden.
Einsatz von Mox-Brennelemente in Kernreaktoren
Plutonium kann in Form von MOX-Brennstoff in Kernreaktoren eingesetzt und dort zur Energieerzeugung genutzt werden. Bei Leichtwasserreaktoren ist dies eine Option, bei Brutreaktoren eine Notwendigkeit, denn die dort benötigte hohe Neutronenausbeute der Kernspaltung wird nur mit einem genügend hohen Plutonium-239-Anteil im Brennstoff (und Spaltung durch schnelle, nichtmoderierte Neutronen) erreicht.
Spätestens seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima ab März 2011 wurde allgemein bekannt, dass MOX-Brennelemente in 21 französischen, in zehn der damals 17 deutschen Kernreaktoren und in einigen in Japan zum Einsatz kamen.[2] Insgesamt enthielten Anfang des Jahres 2011 rund 30 thermische Reaktoren in Europa (Belgien, Schweiz, Deutschland und Frankreich) MOX und weitere 20 erhielten die Erlaubnis dazu. [3] Eine Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen zur Herstellung von MOX erfolgt hauptsächlich in Großbritannien und Frankreich, in einem geringeren Ausmaß in Russland, Indien und Japan. In China gibt es Planungen für Schnelle Brüter und Wiederaufbereitungsanlagen. Die USA betreiben – mit Unterbrechungen wegen der möglichen Verwendung des Plutoniums in Nuklearwaffen – seit längerem entsprechende Wiederaufbereitungsanlagen.
(Quelle: Wikipedia)
Bereits 1992 lag eine Studie der GRS (Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit) GmbH vor, nach der die MOX-Technik nicht nur unsinnig, sondern auch leichtfertig sei.
Der Spiegel berichtete in seiner Ausgabe 07/1992 vom 10.02.1992:
Der Thomas-Bericht (der GRS) belegt, daß die westdeutsche Atomindustrie seit mehr als zehn Jahren mit den gefährlichen Brennstäben hantiert, ohne die Risiken für Reaktoren und Umwelt je sorgsam geprüft zu haben.
Weil die plutoniumhaltigen Brennstäbe im Reaktor weitaus aggressiver strahlen (“Spektrumsverhärtung”) und länger im Atommeiler bleiben (“höherer Abbrand”) als Uran-Elemente, erhöht sich auch die “Beanspruchung des Kernbrennstoffs und der Brennelemente-Werkstoffe” (Thomas) – mit gefährlichen Konsequenzen:
- Die “Außenkorrosion” der metallenen Brennelemente-Hüllrohre steigt – die etwa daumenstarken Schutzrohre, die den Brennstoff hermetisch vom Kühlwasser abschirmen sollen, verrotten also schneller als bei herkömmlichen Uran-Elementen.
- Der “Innendruckaufbau” in den MOX-Elementen ist so stark, daß unter bestimmten Bedingungen eine “Spaltgasfreisetzung” droht – die Hüllrohre können durch den Gasdruck platzen, ihr hochradioaktiver Inhalt kann das Kühlwasser verseuchen.
- Die MOX-Brennelemente beeinträchtigen die Wirksamkeit der das Atomfeuer regelnden Steuerstäbe im Reaktor – im Notfall könne “das sichere Abschalten des Reaktors” gefährdet sein.
- “Bei Störungen und Störfällen” raube die höhere Wärmeentwicklung (“Nachzerfallswärme”) der plutoniumhaltigen Brennstäbe den Reaktor-Bedienungsmannschaften entscheidende Sekunden, um “störfallbegrenzende Maßnahmen” zu ergreifen.
- Schmilzt in einem mit MOX-Brennelementen bestückten Reaktor ein Teil des atomaren Inventars, droht auch nach einer erfolgreichen Notkühlung noch der Super-GAU – ein Katastrophen-Szenario, das bei der Analyse von Kernschmelzunfällen bislang nicht untersucht wurde
(Quelle: Der Spiegel, Ausgabe 07/1992)
Geändert hat sich nichts.
Die GRS (Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit) GmbH 2010 zu den Risiken:
Beim Betrieb von Kernkraftwerken hat MOX-Brennstoff in sicherheitstechnischer Hinsicht dennoch einige ungünstigere Eigenschaften gegenüber UO2-Brennstoff wie z.B.:
- erhöhte Faktoren für Leistungsspitzen in den MOX-Brennelementen
- erhöhter Innendruck in den Brennstäben durch höhere Spaltgasfreisetzung und
- ein schnelleres Reagieren bei Änderungen des Reaktorzustands.
(Quelle: GRS, 19.08.2010 “Begriff der Woche: MOX-Brennelement”)
Welche deutschen AKW verfügen über MOX-Einsatzgenehmigungen?
Folgende deutsche Atomkraftwerke verfügen über Einsatzgenehmigungen für MOX-Brennelemente (Stand 2010):
- AKW Brokdorf (Betreiber: E.ON, voraussichtl. Laufzeit: 31. Dezember 2021)
- AKW Unterweser (E.ON, Laufzeit: 6. August 2011)
- AKW Grohnde (E.ON, voraussichtl. Laufzeit: 31. Dezember 2021)
- AKW Emsland (RWE, voraussichtl. Laufzeit: 31. Dezember 2022)
- AKW Philippsburg 2 (EnBW, voraussichtl. Laufzeit: 31. Dezember 2019)
- AKW Neckarwestheim 1 (EnBW, Laufzeit: 6. August 2011)
- AKW Neckarwestheim 2 (EnBW, voraussichtl. Laufzeit: 31. Dezember 2022)
- AKW Grundremmingen B (RWE, voraussichtl. Laufzeit: 31. Dezember 2017)
- AKW Grundremmingen C (RWE, voraussichtl. Laufzeit: 31. Dezember 2021)
- AKW Isar 2 (E.ON, voraussichtl. Laufzeit: 31. Dezember 2022)
- AKW Grafenrheinfeld (E.ON, voraussichtl. Laufzeit: 31. Dezember 2015)
Die Verweilzeit der MOX-Brennelemente im Reaktorkern beträgt in der Regel vier Jahre. Unter dieser Annahme befanden sich Ende 2008 rund 170 Tonnen MOX-Brennelemente in den Kernkraftwerken Emsland, Brokdorf, Unterweser, Philippsburg-2, Gundremmingen, Isar-2 und Grafenrheinfeld.
Mox-Brennelemente-Transporte in der BRD
2010 hat die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen eine Studie bezüglich der Transporte radioaktiver Stoffe in der Bundesrepublik Deutschland in Auftrag gegeben, die im Februar 2011 veröffentlich wurde. Darin heisst es:
MOX-Pellets bzw. unbestrahlte Brennelemente mit MOX-Brennstoff sind mechanisch und thermisch vergleichbar widerstandsfähig wie die aus Uran. Der Transport von MOX-Brennelementen erfolgt jedoch wegen des Plutoniuminventars in Typ-B-Behältern.
Außerdem wird wegen der höheren Sicherungsstufe gegen „Sonstige Einwirkungen Dritter“ der Straßentransport in einem speziellen Sicherheitsfahrzeug durchgeführt. Das Gefahrenpotenzial der Transporte über Land bezüglich Freisetzungen nach Transportunfällen ist deshalb insgesamt eher geringer als bei Uran-Brennelementen.
Sehr schwere Unfälle bei einem Transport ohne Sicherheitsfahrzeug können jedoch erhebliche Freisetzungen verursachen.
MOX-Transporte besitzen einen höheren Symbolwert als Urantransporte und durch das Plutoniuminventar im Falle eines terroristischen Angriffs auch deutlich größere radiologische Auswirkungen. Deshalb sind die Auswirkungen eines terroristischen Angriffs in die Bewertung des Gesamtgefahrenpotenzials einzubeziehen. Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass MOX dieser Art für Gruppen, die Atomwaffen bauen wollen oder im Auftrag solcher Staaten handeln, besonders interessant ist.
Gelangt ein Behälter mit frischen Uran- oder MOX-Brennelementen nach einem Unfall beim Seetransport in tiefe Gewässer, ist in Abhängigkeit von der Wassertiefe nach längerer Zeit das Versagen des Behälters zu erwarten. Die Brennelemente verbleiben aber vermutlich im Behälter. Eine anschließende Auslaugung und danach folgende Ausbreitung ist über sehr lange Zeiträume zu erwarten.
MOX-Transporte: Die Realität
Derzeit ist sind die MOX-Brennelemente aus der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield unterwegs zum Hafen Nordenham auf der “Atlantic Osprey”. Die Fahrt dauert in etwa 2 Tage.
Das Schiff wurde im Jahr 1986 von der Werft J.J.Sietas im Hamburg als Ro/Ro (Roll-on/Roll-off) Autofähre gebaut und unter dem Namen Alster Rapid von der Reederei Henry Stahl abgenommen.
Anti-Atom-Initiativen kritisieren die Sicherheitsmängel der “Atlantic Osprey”. Sie habe keine Doppelwand, kein zweites Antriebssystem und kein Querschott zum Abdichten von eindringendem Wasser. Die Initiative “Cuxhaven bleibt atomfrei” hat die Geschichte der “Atlantic Osprey” zusammengefasst:
Vorgeworfen wird dem Schiff sein für einen Atomfrachter völlig veraltetes Bauprinzip mit nur 1 Maschine, 1 Ruder und ohne doppelte Rumpfhülle. Von der Bauart her ist es vergleichbar mit der 1987 im Ärmelkanal gesunkenen „Herald of Free Enterprise“ oder der 1994 auf den Grund der Ostsee gesunkenen „Estonia“. Ab 2001 wurde zwar notdürftig nachgerüstet, unter anderem ein wasserdichtes Schott hinter der Heckklappe und ein weiteres Schott im Schiff, eine fest installierte Wasserlöschanlage (wobei sich atomare Brände nicht mit Wasser löschen lassen) und eine CO2-Löschanlage (die aber nur unter völligem Sauerstoffabschluss wirken kann, was auf dem Autodeck eines Schiffes bezweifelt werden muss).
Der eigentliche Skandal ist aber, dass dieses Schiff nach den Untergängen von Estonia und Herald im absolut unsicheren Zustand unbehelligt jahrelang weiter atomare Fracht befördern durfte.
Weiter tauchen schon seit Jahren immer wieder Berichte auf, nach denen das Schiff in Fahrt häufig sein AIS-System abschaltet. AIS heißt Automatisches Identifikationssystem und dient u.a. dazu, dass speziell Schiffe mit gefährlicher Fracht von anderen Schiffen frühzeitig erkannt werden und diese dann entspechend Abstand halten können. Das Abschalten von AIS ist ein klarer Verstoss gegen internationale Schifffahrtsregeln.
Angesichts der häufig transportierten Plutoniumfracht ist eine Fahrt als Geisterschiff höchst fahrlässig und gefährlich.
MOX-Transporte: Katastrophenschutz tappt im Dunkeln. Transportbehälter unzureichend.
Bei einer Informationsveranstaltung in Großensiel (Nordenham) Anfang September 2012 kamen erschreckende Detaills zur Sprache.
Die zuständigen Katastrophenschutzbehörden (in diesem Falle Landkreis Wesermarsch) werden “aus Geheimhaltungsgründen” nicht informiert.
Atomphysiker und Gutachter Wolfgang Neumann dazu: “Es ist zwar eine Vielzahl von Behörden involviert, wie das Lagezentrum des Bundesinnenministeriums oder das Gewerbeaufsichtsamt, nicht aber die Feuerwehr am Wesertunnel.”
Für den Transport würden seit vielen Jahren Behälter mit der Typenbezeichnung M4/12 verwendet, da sie je nach Art der Brennelemente vier oder zwölf Stück aufnehmen könnten. „Diese Behälter werden auch für den Transport nach Grohnde genutzt werden“, sagte Wolfgang Neumann. Sie seien durch mehrere Stahlschichten, Bor-Platten und Stoßdämpfer geschützt. Außerdem müssen die Behälter Stürze aus 9 Metern Höhe, einen Sturz auf einen Dorn sowie über gewisse Zeiträume Brände bei 800 Grad oder ein Tauchbad in 200 Metern Wassertiefe unbeschadet überstehen. Das helfe gegen „normale“, aber nicht gegen schwere Unfälle, so der Experte.
(Quelle: Kreiszeitung Wesermarsch, 08.09.2012)
Was könnt Ihr tun?
Verbreitet die Informationen. Klärt Freunde, Verwandte, Nachbarn, Bekannte, Arbeitskollegen auf.
Beteiligt Euch am Protest, verbreitet Informationen zum Protest (denn Protest braucht Öffentlichkeit).
Aktuelle Informationen zum MOX-Transport und den Protestaktionen bieten u. a. die Twitter-Accounts:
- @castorticker
- @mox_ticker
- @contratom
- und natürlich auch wir: @AntiAtomPiraten
Weitere Informationen findet Ihr auf folgenden Webseiten:
Habt Ihr schon unterschrieben? Nein zu MOX-Transporten!
Wenn Ihr nur irgendwie Gelegenheit habt: Auf nach Nordenham! Nach derzeitigen Schätzungen wird die “Atlantic Osprey” den Hafen gegen 16:30 Uhr erreichen.
Update 23.09.2012, 22:00 Uhr
Die “Atlantic Osprey” hat gegen 16:30 Uhr begleitet von Protesten und Aktionen diverser Umweltinitiativen wie Greenpeace und contratom den Hafen von Nordenham erreicht.
Die Fracht musste nicht umgeladen werden sondern verliess in den beiden Spezial-Transportern gegen 19:14 Uhr unter Buh-Rufen und Sirenengeheul den Hafen von Nordenham.
Mittlerweile sind die 8 Brennstäbe mit einer geschätzten Geschwindigkeit von 80 km/h unterwegs in Richtung Atomkraftwerk Grohnde.
Geschätzte Ankunftszeit beim AKW Grohnde: Gegen 23:30 Uhr. Zur Zeit wird die Zufahrt zum AKW mit einer Sitzblockade versperrt.
(Redakteur: KH/23.09.2012)
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