Was spricht gegen eine neue Generation von Kernkraftwerken?

  1. Wer sind die AntiAtomPiraten?
  2. Wie stehen die AntiAtomPiraten zu neuen Reaktortypen?
  3. Was spricht gegen eine neue Generation von Kernkraftwerken?
  4. Sind die AntiAtomPiraten einfach nur ‘Dagegen’?
  5. 100% Ökostrom. Kann das funktionieren?
  6. Wie kann man den steigenden Energiebedarf decken?
  7. Nachts scheint keine Sonne.
  8. Ist Ökostrom aus der Sahara nicht sinnvoller?

 


Was spricht gegen eine neue Generation von Kernkraftwerken?

Neue Kraftwerkskonzepte basieren beispielsweise auf dem Erbrüten von Brennstoff aus Thorium mit der Hilfe energiereicher, schneller Neutronen (siehe auch: Neue Atomreaktoren – Die Erfolgsaussichten). Die Thorium-Reaktoren sind in der Regel so aufgebaut, dass Brennstoff oder frisches Thorium im laufenden Betrieb nachgefüllt werden kann und Abfallstoffe abgeschieden werden. Dazu wird z.B. eine Wiederaufbereitungsanlage im Kraftwerk integriert. Diese Konzepte sind allerdings auch gar nicht neu, sondern wurden schon sehr früh zu Beginn des “Atomzeitalters” diskutiert und zum Teil auch prototypisch erprobt.

In Thorium-Flüssigsalz-Reaktoren wird Uran 233 aus dem Thorium erbrütet. Dieses Uran ist waffenfähiges Uran, eignet sich also zum Bau von Atomwaffen. Uran 233 hat dabei “bessere” Bomben-Eigenschaften, als das bisher verwendete Uran 235. Es gleicht in den Bomben-Eigenschaften eher dem Plutonium. Das Uran kann über eine im Kraftwerk integrierte Wiederaufbereitungsanlage aus dem Reaktor entnommen werden, während des laufenden Betriebs. Die Integration einer Wiederaufbereitungsanlage ist bei diesen Reaktortypen prinzipbedingt, um die kontrollierte Kettenreaktion aufrecht zu erhalten.

Thorium Reaktor Brennstoffkreislauf, Quelle: EnergyFromThorium

Quelle: EnergyFromThorium

Aufgrund von Spaltprodukten des in Spuren mit erzeugten Uran 232, entwickelt eine solche Waffe bereits während der Lagerung eine sehr hohe Gamma-Strahlung. Eine solche Waffe eignet sich daher eher zum kurzfristigen Einsatz, will man das Uran 232 nicht aufwändig abscheiden. Andernfalls würde das Personal in der Nähe der Waffe schwere, bzw. tödliche Strahlendosen erleiden.

Wesentliche Probleme bei der Wiederaufbereitung des Brennstoffkreises sind ungelöst. Leicht flüchtige Spaltprodukte, wie zum Beispiel Krypton, können nicht wirtschaftlich zurückgehalten werden. Auch heutige Wiederaufbereitungsanlagen geben diese und andere Spaltprodukte über Schornsteine und Abwasserleitungen in die Umwelt ab. Überhaupt keine Lösung gibt es im Moment, um das anfallende Tritium aus dem Salz heraus zu filtern. Dieses bildet Flusssäure, dass zur Korrosion der Anlage bei trägt.

Korrosion ist ein erhebliches, ungelöstes Problem. Neben der Materialermüdung, durch die hohe Neutronenstrahlung dieser Reaktoren, greift auch das hoch erhitzte, flüssige Salz die verwendeten Materialien an. Eine Langzeitsicherheit konnte bisher nicht erreicht werden.

Als Moderator wird wie in Tschernobyl Graphit verwendet. Regelmäßige Wartungsarbeiten werden durch die verwendeten Materialien notwendig, aber durch die extrem hohe Strahlung sehr erschwert. Auch entsteht mehr höher belasteter, radioaktiver Abfall, insbesondere an radioaktivem Cäsium, das neben dem Plutonium auch bei heutigen Atomunfällen zu den wesentlichen Problemstoffen zählt. Der anfallende Atommüll strahlt zwar nicht so lange, aber deutlich stärker. Es muss also noch sorgfältiger mit Atommüll umgegangen werden.

Die Entsorgung von außer Betrieb genommenen Altanlagen  bereitet ähnliche, bzw. mehr Probleme als sie bei derzeitigen  Kernkraftwerken erwartet werden. Der einzige kommerzielle  Thorium-Reaktor Deutschlands, der THTR-300 in Hamm-Uentrop, wurde 1988  abgeschaltet. Aufgrund der hohen Strahlenbelastung kann voraussichtlich  frühesstens im Jahre 2027 mit dem Rückbau des Reaktorblocks begonnen  werden. Der Rückbau wird etwa 20 Jahre in Anspruch nehmen. Das bedeutet,  die Stillegung alleine benötigt einen Zeitraum von 60 Jahren. Die  Anlage verursacht derzeit jährliche Kosten von 6,5 Mio €. Die Kosten  trägt der Steuerzahler, da die Betreiber-GmbH insolvent ist und RWE als Nachfolger der Betreibergesellschaft sich nicht an Kosten beteiligt.

Für die Endlagerung des THTR werden derzeit Kosten von deutlich über 1 Mrd. € veranschlagt. Das ist der dreifache Wert der Schätzung aus dem Jahre 2007. Der Betrieb des Reaktors wurde  wegen Unwirtschaftlichkeit eingestellt, obwohl noch Brennstoff für zwei Betriebsjahre vorhanden ist. Zuvor schon wurde die Brennstoffabrik wegen Sicherheitsmängeln geschlossen. Derzeit streitet man sich darum, wohin  mit dem restlichen Brennstoff, da die Genehmigung zur Lagerung  abgelaufen ist. Weltweit wurde kein weiterer solcher Reaktor mehr  gebaut.

Im Umkreis um das stillgelegte Kraftwerk hat die 11-jährige Schülerin Samantha Seithe für eine Arbeit zu Jugend Forscht erst kürzlich in Bodenproben um das Kraftwerk ähnliche Pac-Kügelchen gefunden, wie sie im Leukämiecluster in der Elbmarsch gefunden werden können. In den Jahren 1992/93 trat in der Elbmarsch Kinderleukämie sieben mal häufiger auf, als zu erwarten wäre. Dort ist inzwischen nachgewiesen, dass es sich bei den Kügelchen um Reaktorbrennstoff handelt. Eine Untersuchung der Sterbefälle um den THTR-300 ergab eine niedrigere Lebenserwartung je näher man man am Standort des Reaktors wohnt. Nach dem Auffinden der Pac-Kügelchen in Bodenproben hat der Betreuer der Arbeit die Fortsetzung der Untersuchungen abgebrochen. Die Kügelchen wurden bisher noch nicht radiologisch untersucht, es gibt jedoch keine andere schlüssige These außer dem Bezug zu Kernbrennstoff.

[Update: Nach weiteren Recherchen und Rücksprache mit der Abteilung für Strahlenschutz des Landesinstitut für Arbeitsgestaltung des Landes Nordrhein-Westfalen (LIA.NRW) ist bei den gefundenen Kügelchen keine künstliche Radioaktivität feststellbar. Nach Angaben des Mitarbeiters handelt es sich bei den Kügelchen um ein Eisen-Silizium-Gemisch unbekannten Ursprungs. Sie sind vermutlich auf die Vergangenheit des Fundorts als Industriegebiet zurück zu führen.]

[Update: Diese Untersuchung wird inzwischen massiv kritisiert, da entscheidende Punkte nicht unterucht wurden oder deren Ergebnis nicht veröffentlicht wurde.]

Operation Teapot: Die erste Atombombe auf Basis von Uran 233 und Plutonium. Das Uran 233 wurde in einem Thorium-Reaktor erbrütet. Foto: NNSA, Public Domain

Operation Teapot: Die erste Atombombe auf Basis von Uran 233 und Plutonium. Das Uran 233 wurde in einem Thorium-Reaktor erbrütet. Foto: NNSA, Public Domain

Weiter:
Kann man mit neuen Kernkraftwerken den Atommüll vernichten?

Links

  • Neue Atomreaktoren – Die Erfolgsaussichten
  • Mit Putzlappen und Gummischieber am Reaktor
    Leiharbeiter, die in Atomkraftwerken beschäftigt waren, berichten über schwere Versäumnisse  beim Strahlenschutz
  • Leukämie in der Elbmarsch – Und keiner weiß warum
    Über Auswirkungen radioaktiver Freisetzungen und wie man in Deutschland damit umgegangen ist / umgeht.
    Film von Barbara Dickmann und Angelica Fell, ZDF, 2006-04-02
  • “Ich bebe vor Wut!”
    Rede von Prof. Kodama, Leiter des Radioisotopen-Zentrums der Universität von Tokyo, zur Kontamination nach Fukushima und der Katastrophenbewältigung, fünfeinhalb Monate nach dem Beginn der Katastrophe.
  • Albtraum Atommüll, arte, 2009
    Der Dokumentarfilm beleuchtet eine Seite der Atomenergie, an der auch ihr demokratisches Defizit deutlich wird: der Atommüll. Dabei wird auch die Wiederaufarbeitung von Atommüll betrachtet.
  • PRISM-Raktoren von GE
    Auch wenn durch den Ansatz von GE Hitachi weniger Atommüll übrig bleibt und sogar Brennstoff für andere Reaktoren produziert wird, löse er das Endlagerproblem immer noch nicht, gibt MIT-Experte Forsberg zu bedenken. Eine vollständige Trennung in verschiedene Materialgruppen sei schlicht nicht möglich. Es würden immer auch Stoffe übrigbleiben, die nicht weiterverwendet und für mindestens 10.000 Jahre eingelagert werden müssten.
    Außerdem entsteht weiter leicht und Müttelradioaktiver Müll in großen Mengen. Müll vom “Typ Asse”.
  • Linksammlung zu Quellen
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