Wie sicher ist das neue AKW-Flaggschiff AP1000? (7/7)
Sicherheitsbedenken innerhalb der NRC

Zu Teil 1: Wie sicher ist das neue AKW-Flaggschiff AP1000?
Zu Teil 2: Der AP1000 – was ist das Besondere?

Zu Teil 3: Einführung zur Kritik / Hintergründe
Zu Teil 4: Lehren aus Fukushima nicht berücksichtigt
Zu Teil 5: Sicherheit des Containments
Zu Teil 6: Wissenschaftler zur Sicherheit des AP1000
Zu Teil 7: Sicherheitsbedenken von Mitarbeitern der NRC

AP1000: Sicherheitsbedenken von Mitarbeitern der NRC

Zitat: Die numerischen Ergebnisse sind entweder offensichtlich falsch oder ausserordentlich fragwürdig.

Kritik gegenüber dem AP1000-Entwurf kommt auch aus dem Hause der NRC, zum Beispiel von Dr. John Ma, führendem Bauingenieur der US-Atombehörde, der NRC, und Mitglied der NRC seit deren Gründung.

Im Jahre 2009 stellte die NRC neue Sicherheitsanforderungen an Reaktorgebäude. Aufgrund der Ereignisse vom 11. September 2001 wurde festgelegt, dass alle Kernkraftwerke einem direkten Flugzeugabsturz standhalten müssen. Um diese neuen Anforderungen zu erfüllen, sieht Westinghouse/Toshiba vor, die Betonwände der AP1000-Gebäude mit Stahlplatten zu verkleiden.

2010 hat Dr. Ma zum ersten mal in seiner Laufbahn seine Zustimmung und weitere Mitarbeit verweigert, nachdem die NRC die Zustimmung zu der vorgeschlagenen Konstruktionslösung der Reaktorgebäude signalisierte. In den Akten (PDF, 68 Seiten) weist Ma darauf hin, dass die Integrität des Rektorgebäudes nicht gewährleistet werden kann, insbesondere kann die Sicherheit nicht gewährleistet werden, gegenüber Ereignissen wie dem Einschlag eines Flugzeugs oder eines durch Stürme oder Explosion aufgewirbelten Projektils. Auch die Erdbebensicherheit des Gebäudes kann nicht nachgewiesen werden. Das Gebäude erfüllt grundlegende Normen nicht und ist damit nicht genehmigungsfähig.

John Ma führt drei wesentliche Kritikpunkte auf:

  1. Mangelndes Dehnungsvermögen.
    Davon betroffen seien 60% des Gebäudes, im wesentlichen Teile der zylinderförmigen Gebäudeteile. Die Eigenschaften des Gebäudes gleichen den Eigenschaften von Glas. Extrem fest, aber kaum Zähigkeit. Dieser Konstruktionsmangel kann zum Versagen des Bauwerks führen, insbesondere bei einer dynamischen Belsastung wie einem Erdbeben oder dem Einschlag eines Projektils.
  2. Der Hersteller, Westinghouse/Toshiba, ist der Anforderung nicht nachgekommen, die Konstruktion den Normen für Bauwerke kerntechnischer Sicherheitsanlagen gerecht zu konstruieren.
  3. Die Analysen (Computersimulationen), die herangezogen wurden, um die Eigenschaften der schützenden Bauwerke nachzuweisen, sind Fehlerhaft. Die Ausgangsgrößen für die angestellten Berechnungen sind nicht realistisch angesetzt. Auch die Annahmen für die Einwirkungen von Erdbeben basieren auf einem Modell, das entsprechende Schockwellen verharmlost und einer wissenschaftlichen Überprüfung (Peer Review) nicht stand gehalten hat. Die Berechnungen sind aus wissenschaftlicher Sicht falsch.
    Die erstellten Simulationen basieren auf einem simplen Standard-Modell und berücksichtigen nicht die komplexe, unregelmäßige Struktur der tatsächlichen Konstruktion. Die Erfahrung zeigt, dass unregelmäßige Strukturen eher versagen und schwerer zu simulieren sind, als regelmäßige, einfache Strukturen

Ein Team von Westinghouse-Ingenieuren widerspricht der Aussage, das Gebäude sei nicht sicher. Dass das Gebäude nicht den einschlägigen Normen entspricht, ist unstrittig.

Auch Stimmen aus dem Congress des US Repräsentantenhauses haben noch vor Fukushima die NRC aufgefordert, die Freigabe der AP1000-Konstruktion nicht zu erteilen. Edward Markley fasst die Bedenken gegenüber den Schwächen der Konstruktion und dem nur noch als fahrlässig zu bezeichnenden Vorgehen der NRC in seinem Anschreiben eindrucksvoll zusammen.

Wir haben im Rahmen unserer Recherche zu diesem Artikel mit John Ma Kontakt aufgenommen und haben konkret gefragt, ob seine Bedenken vom November  2010 noch aktuell sind, oder ob er das Design inzwischen für sicher hält. John Ma lehnt eine Antwort ab, mit dem Hinweis, er darf hierzu keine Auskünfte geben. Daraufhin haben wir bei der NRC offiziell angefragt. Die NRC beantwortet unsere Fragen nicht.

Auch wenn im es Moment nach den Vorfällen in Fukushima bei der NRC etwas mehr rumort, so wird auch klar: Wer in der NRC Sicherheit fordert, gerät schnell aufs Abstellgleis, selbst wenn man Gregory Jaczko heißt und Chef der NRC ist. Dieser forderte mit Hinblick auf die Ereignisse in Fukushima ein Umdenken und verlor deshalb beinahe seinen Posten. Es wird deutlich, dass es die politische Kultur und Losung der NRC ist, “einfach nichts zu tun”. Die Politik streitet sich weiter darum, ob die NRC diesen Kurs wirklich ändern soll. Dazu eine bezeichnende Meldung von Reuters, vom 2011-12-10.

Wie sicher ist das neue AKW-Flagschiff AP1000?

Das Sicherheitskonzept des AP1000 von Westinghouse / Toshiba ist ganz offensichtlich nicht unumstritten.

Wir kommen zurück zur Eingangsfrage:
Wie sicher ist das neue AKW-Flagschiff AP1000?
Mit Sicherheit nicht sicher.

Sicherer?
Fraglich.

Einen grundlegenden Paradigmenwechsel bei der Sicherheitspolitik von Kernkraftwerken können wir nicht feststellen. Die vorgesehene Lösung zum Umgang mit dem anfallenden Atommüll (Lagerung auf unbestimmte Zeit in konventionellem Nasslager) ist inakzeptabel.

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Kommentare

2 Kommentare zu “Wie sicher ist das neue AKW-Flaggschiff AP1000? (7/7)
Sicherheitsbedenken innerhalb der NRC”

  1. leser am Januar 22nd, 2012 14:43

    faszinierend…ein reaktor mit einer einzigen(!) hülle die nur etwas dicker ist. das riecht streng nach pfusch. auch wenn ich nicht generell gegen atomkraft bin, sollte dieser reaktortyp besser nicht gebaut werden.

  2. Santiago am Mai 29th, 2012 21:14

    The SOARCA report shows that in the worst case (unmitigated, stotain blackout) scenario, the reactor vessel is not breached until 8 hours after the event. Normally, the diesel generators would start-up in that situation, providing core cooling. Fukushima showed that it is possible to lose the diesel generators to flooding. Plants typically have several diesels on-site, but to provide even more redundancy, it would be wise to create a mobile generator distribution system that could get a generator to any site in the U.S. within 8 hours and the time it would take to install.

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