Wie sicher ist das neue AKW-Flaggschiff AP1000? (3/7)
Kritik am Hersteller und an der Konstruktion
Zu Teil 1: Wie sicher ist das neue AKW-Flaggschiff AP1000?
Zu Teil 2: Der AP1000 – was ist das Besondere?
Zu Teil 3: Einführung zur Kritik / Hintergründe
Zu Teil 4: Lehren aus Fukushima nicht berücksichtigt
Zu Teil 5: Sicherheit des Containments
Zu Teil 6: Wissenschaftler pro Kernenergie zur Sicherheit des AP1000
Zu Teil 7: Sicherheitsbedenken von Mitarbeitern der NRC
AP1000: Kritik am Hersteller und an der Konstruktion

Modell des geplanten Kernkraftwerks Bellefonte mit 2 AP1000 Reaktorblöcken (vorne im Bild) und 2 weiteren seit 40 Jahren im Bau befindlichen Druckwasserreaktoren (hinten im Bild). Die Baustelle war zwischenzeitlich mehrere Jahrzehne stillgelegt und Teile der bereits errichteten Anlagen wurden als Ersatzteil wieder demontiert.
Der Hersteller des AP1000, Westinghouse / Toshiba, kann auf eine lange Erfahrung beim Bau kommerzieller Kernkraftwerke zurück blicken. Allerdings wurden Designs von Westinghouse in der Vergangenheit auch schon einmal vor deren Freigabe als sicherheitstechnisch äußerst fragwürdig kritisiert – ohne Auswirkungen auf eine positive Genehmigung.
In dem bereits genannten Memo aus dem Jahre 1972 stellt Joseph Hendrie, Sicherheitschef der US-Atombehörde, fest, man müsste auch das damalige Westinghouse Reaktordesign mit Eis-Kondensator verbieten, würde man den Reaktortyp GE Mark I aufgrund der festgestellten Sicherheitsmängel der zu Grunde liegenden Konstruktion verbieten. Auch die havarierten Reaktoren in Fukushima, gebaut von General Electric (GE), Toshiba und Hitachi sind vom Typ GE Mark I.
Praktisch hätte das Verbieten dieser Reaktor-Designs nach den Befürchtungen der Atomaufsicht das Aus für die Kernindustrie bedeutet. Die Untersuchungsergebnisse zu den Konstruktionsfehlern wurden schließlich zurück gehalten, die Reaktoren wurden nicht verboten und so sind diese Reaktortypen heute noch in Betrieb, auch in Europa. Eine Katastrophe wie in Fukushima wurde nicht verhindert, sondern bewusst in Kauf genommen. In Fukushima ist unter anderem das passiert, was man schon 1964 vermutete und 1971 bewiesen hat. Es gelingt nach dem Ausfall der Stromversorgung nicht, die Brennstäbe im Reaktor mit ausreichend Wasser zu versorgen, auch wenn das Notfallsystem ordnungsgemäß funktioniert. Trotz der Ereignisse in Fukushima bleiben diese Reaktortypen auch jetzt noch weiterhin im Einsatz.
Westinghouse gehört zu 80% dem Toshiba-Konzern. Damit kommt der AP1000 irgendwie eigentlich aus Japan. Toshiba hat auch in Fukushima Reaktoren des Typs GE Mark I gebaut. Einer davon ist Reaktor 3 in Fukushima I (Daiichi). Der Reaktor ist mit besonders gefährlichen MOX-Brennelementen bestückt. Das Reaktorgebäude wurde durch eine besonders heftige Detonation zerstört. Kernbrennstoff wurde kilometerweit in die Umgebung geschleudert.
Zurück zum AP1000. In zwei Kapiteln der folgenden Übersicht zu Sicherheitsbedenken werden wir Arnold Gundersen zitieren. Arnold Gundersen hat den Grad eines Master als Ingenieur der Kerntechnik. Er hatte die Lizenz als Reaktorfahrer, war Senior Vizepräsident eines lizenzierten, kerntechnischen Unternehmens und war Manager einer Prüfabteilung für kerntechnische Anlagen. Er wurde entlassen, nachdem er das Management seines Unternehmens auf ein Sicherheitsproblem aufmerksam gemacht hatte. Gundersen war an 70 Reaktoren in den USA und Europa tätig. Auch war er als Experte Zeuge des Unfalls auf Three Mile Island und war an der Analyse des Unfalls beteiligt.
Gundersens Expertise zum AP1000 hat er im Auftrag der AP1000 Oversight Group als beauftragter Gutachter ab dem Herbst 2009 durchgeführt. Die AP1000 Oversight Group ist ein Zusammenschluss verschiedener Gruppen und Verbände, unter anderem die Green Party of Florida (die Partei der Grünen aus Florida). Ein Bericht unter dem Titel “Post Accident AP1000 Containment Leakage, An Unreviewed Safety Issue” (Lekage des Sicherheitsbehälters nach einem Unfall, ein unbeachtetes Sicherheitsproblem) wurde im April 2010 an die US-Atomaufsicht (NRC) weitergeleitet.
Arnold Gundersen kritisiert neben den Ergebnissen seiner Untersuchungen von 2009 bis 2010, dass nach den Ereignissen von Fukushima vom März 2011 die Erkenntnisse aus dieser Katastrophe bei der Freigabe und der Konstruktion nicht berücksichtigt werden.
Weiter mit Teil 4: Lehren aus Fukushima
Kommentare
8 Kommentare zu “Wie sicher ist das neue AKW-Flaggschiff AP1000? (3/7)
Kritik am Hersteller und an der Konstruktion”
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Schöne Serie!
Und gut beobachtet, daß mit Westinghouse-Eigentümer Toshiba der AP1000 »irgendwie eigentlich« aus Japan kommt. Andersherum hat Toshiba zwar in Fukushima Containments (nicht: Reaktoren) des Typs GE Mark I gebaut, das Design dafür stammte aber von General Electric, also einem US-Unternehmen.
Ein schwerer Fehler, den die Japaner damals gemacht haben, war, das KKW-Design der Amerikaner kritiklos zu übernehmen, ohne zu hinterfragen, ob es zu Japan paßt. So wurden die Notstromgeneratoren wie in Amerika in den Untergeschossen der Turbinengebäude plaziert. Man hatte halt nicht bedacht, daß das typische amerikanische Kernkraftwerk nicht tsunamigefährdet ist.
Viele typische AKW in den USA sind jedoch flutgefährdet. Ich erinnere nur an Ft.Calhoun, das schon 2 mal für Monate unter Wasser stand und das bei einem Dammbrauch einer der 6 Staustufen flussaufwärts ebenfalls von einer Flutwelle getroffen wird, ähnlich einem “Tsunami”.
http://www.anti-atom-piraten.de/2011/06/zwischenfall-im-akw-fort-calhoun-usa/
Dennoch wird das Kraftwerk nicht durch neu zu errichtende oder zu erhöhende Dämme geschützt.
US-Anlagen können einen Stationblackout mit Versagen der Diesel nur für 4 Stunden überbrücken, wenn die Batterien funktionieren. Dieses Risiko ist das Hauptrisiko der US-Anlagen. Die Japaner haben also durchaus das Sicherheitskonzept der Amerikaner verbessert. Gleichweg kann dies dennoch nur als Augenwischerei bezeichnet werden, denn die Anlage in Fukushima wurde nicht auf die zu erwartenden Naturereignisse ausgelegt.
“Der Reaktor ist mit besonders gefährlichen MOX-Brennelementen bestückt. Das Reaktorgebäude wurde durch eine besonders heftige Detonation zerstört. Kernbrennstoff wurde kilometerweit in die Umgebung geschleudert.”
1. satz stimmt, 2. satz stimmt, 3. satz stimmt nicht, es wurde KEIN kernbrennstoff durch die gegend geschleudert, es explodierte lediglich die äusere hülle des reaktorgebäudes, in die man das wasserstoffgas das wegen der kernschmelze (brennstäbe an der luft nicht mehr von wasser gekühlt -> es entsteht wasserstoff-gas als reaktion der stäbe mit der luft) entstanden ist ableitete. bitte korrigieren oder quelle nennen die die verteilung von mox-brennstoff in der umgebung belegt.
Quelle ist Arnold Gundersen.
Primärquelle habe ich nicht zur Hand.
Update: Die NY-times erwähnt die Funde auch:
http://www.nytimes.com/2011/04/08/world/asia/08japan.html
Man würde die Bruchstücke mit Hilfe von Bulldozern mit Erde bedecken.
alles klar, leck in reaktor nummer 2, kernbrennstoff tritt aus, und das wurde dann verteilt. ok das wusste ich nicht – danke. kommentar kann gelöscht werden.
Reaktor 2 ist nach meinem Kenntnisstand noch am besten intakt. Der Brennstoff kann eigentlich nicht aus Reaktor 2 kommen. Am wahrscheinlichsten ist, dass er aus dem Reaktorblock 3 stammt.
Update:
Der Brennstoff wurde in bis zu über 3km Entfernung gefunden. Daher muss er sich mit Überschallgeschwindigkeit vom Reaktor entfernt haben. Dazu ist eine Detonation mit Überschall notwendig.
Wasserstoff explodiert nicht in Überschall.
Nur die große Explosion des Block 3, die auch einen typischen “Atompilz” gebildet hat, war solch eine heftige Detonation. Wieso es zur Detonation kam ist unklar. Eine reine Wasserstoffexplosion ist nicht so schnell.
ok das liegt dann evtl. an meinen unzureichenden englisch-kenntnissen, aber laut dem von ihnen angebrachten link leckt soweit ich das korrekt übersetzte reaktor 2. spielt jedoch für die aussage an sich keine rolle ob reaktor 2 oder 3, der brennstoff wurde offensichtlich verteilt.
Der NY-Times Artikel gibt das ungünstig wieder.