Update 2011-06-27: Von Hochwasser bedrohte AKW
Hochwasserbarriere kollabiert

Am Sonntag ist der künstliche Schutzdamm um das Kernkraftwerk Fort Calhoun in Nebraska, USA kollabiert (wir berichten seit 2011-06-15). Die Flut wird noch Monate anhalten.

Die Ursache für das Ereignis am Sonntag ist unklar. OPPD spricht von “onsite activities”, also Vorgängen vor Ort. Ob es sich dabei um eine gezielte Maßnahme handelte, um einen Unfall oder ein erwartetes oder unerwartetes Ereignis wird nicht gesagt.

Nach unseren Recherchen handelt es sich bei der fraglichen Barriere um einen sogenannten Aqua Dam der Größe AD08. Das ist im Prinzip ein Gummischlauch, der mit Wasser gefüllt wird und dabei eine Höhe von 2,40 Meter erreicht. Dieser Damm ist für eine maximale Wasserhöhe von 1,60 Meter ausgelegt.

Aufgrund dieser Luftaufnahme vom 2011-06-14 schätzen wir, dass das Wasser damals an der niedrigsten Stelle etwa die halbe Höhe des Damms erreicht hat. Das wäre ein Wasserstand von 1,20 Meter vor dem Damm.

Am Sonntag war der Wasserstand etwa 80cm höher, als am 2011-06-14. Der Pegel war etwa 10 Meter über Normallevel. Damit hätte der Wasserstand am Aqua Dam am Sonntag etwa 2,00 Meter betragen. Das sind 40cm, bzw 25% über der Auslegungshöhe des verwendeten Aqua Dam. Ein Versagen des Systems könnte daher auch auf die Höhe der Flut zurück geführt werden.

 

Situation am Kernkraftwerk

Durch den Zusammenbruch des Schutzwalls steht das Kernkraftwerk nun komplett im Wasser. Zunächst ist daraufhin am Sonntag die externe Stromversorgung des Kernkraftwerks ausgefallen, da eine Umspannanlage und Transformator direkt am Kernkraftwerk überflutet wurden. Die Notstromdiesel konnten nach Angaben des Betreibers die Kühlung des Reaktorkerns und des Atommülllagers sicherstellen.

Fällt die Kühlung des Atommülllagers mehr als etwa 80 Stunden aus, beginnt das Kühlwasser  zu kochen und verdampft. Dies ist in Fukushima im Reaktorblock 4 geschehen. Dort kam es zu einer Explosion und das Reaktorgebäude wurde zerstört.

Inzwischen sei im Kernkraftwerk Fort Calhoun eine externe Stromversorgung wieder hergestellt.

Durch einige Kanäle und Drainagen gibt es Wasserwegsamkeiten in die Gebäude. Dieses Wasser könne aber derzeit problemlos abgepumpt werden. Das Kraftwerk befindet sich nach Angaben des Betreibers in einem sichern Zustand und es bestehe keine Gefahr.

Wenn das Wasser noch etwa 1 Meter höher steigt als am Sonntag, wird das Umspannwerk des Kernraftwerks überflutet, das derzeit durch Sandsäcke und einen Deich geschützt wird. Der Deich wird derzeit verstärkt.

Sollte das Umspannwerk durch Überflutung ausfallen, stehen Notstromaggregate zur Verfügung. Diese funktionieren, wie der Stromausfall am Sonntag bewiesen hat.

Wenn das Hochwasser noch um etwa 2 Meter weiter ansteigt, werden mehrere wichtige Einrichtungen überflutet. Unter anderem die Notstromdiesel. Der Betreiber gibt an für diesen Fall bereits Notfallpläne zu haben. Man könnte das Kraftwerk direkt mit Überlandleitungen  oder weiteren Ersatzdieselaggregate auf einer noch höheren Ebene verbinden.

Wirklich kritisch würde es erst werden, wenn das Wasser noch etwa 9,5 Meter weiter ansteigt und das Abklingbecken mit den verbrauchen Brennstäben erreicht. Wird das Becken überspült, würde das Wasser durch die dort vorherrschende Strahlung radioaktiv aktiviert werden. Verstrahltes Wasser würde in die Umwelt gelangen. Ob allerdings die Kühlung bis dahin noch funktioniert ist unklar, denn diese würde bereits vorher überspült.

Derzeit geht man davon aus, dass das Wasser im Verlauf der Flut nur noch um etwa 60cm weiter ansteigen wird.

 

Durch den Zusammenbruch des AqauDam wurden auch Behälter mit Kraftstoff fortgespült, die außerhalb des Kraftwerks gelagert waren. Der Kraftstoff war zur Versorgung der Hochwasserpumpen, die eindringendes Wasser abpumpen sollen. Etwa 380 Liter Kraftstoff gelangten ins Wasser. Zu dem Zustand des auf den Bildern sichtbaren Tanklaster-Aufliegers sind keine Informationen bekannt.

 

Nachrichtenlage

Leider liegen uns keine aktuellen Aufnahmen des Kernkraftwerks vor. Gerüchten zufolge hatte MSNBC Bilder veröffentlicht, inzwischen aber wieder vom Netz genommen.

Der Betreiber OPPD spricht sich aber weiterhin vehement dagegen aus, von einer  Nachrichtensperre zu sprechen und verweist auf seinen extra eingerichteten Informationsblog. Der letzte Eintrag dort ist vom 2011-06-20, also gerade mal 1 Woche alt.

Es gibt jedoch eine aktuelle PM, die besagt, dass trotz Bruch des Schutzwalls alles in Ordnung sei, ohne ins Detail zu gehen. Auch haben mehrere Presseorgane die Nachricht vom Deichbruch aufgenommen. Der Ohama World-Herald hat mit dem Betreiber gesprochen.

Gleichzeitig wird die Liste mit Gerüchten denen OPPD widerspricht immer länger.

Wir haben bei OPPD bereits vor über einer Woche angeregt, doch eine Webcam einzurichten, die stets aktuelle Bilder vom Kraftwerk liefert. OPPD hat erklärt, dies sei eine sehr gute Idee, aber leider aus Sicherheitsgründen nicht umsetzbar und bat um Verständnis. Weitere Nachfragen wurden nicht beantwortet.

Inzwischen gibt es eine Twitter Aktion: einfach an OPPD twittern:
.@OPPDCares, please provide new valid information and pictures about the Ft. #Calhoun plant status! At least 2 times a day!

Den Punkt vor @OPPDCares nicht vergessen, damit es auch Deine Follower sehen – oder besser noch, einmal mit . und einmal ohne Punkt twittern.

 

Links

 

Du magst diesen Artikel? Teile ihn mit anderen:

Kommentare

8 Kommentare zu “Update 2011-06-27: Von Hochwasser bedrohte AKW
Hochwasserbarriere kollabiert”

  1. Rainer Klute am Juni 27th, 2011 10:12

    Ich teile eure Kritik an der Informationspolitik des Betreibers OPPD. Vermutlich schlägt hier die typische US-amerikanische Paranoia nach dem 2001-09-11 durch.

    Inzwischen gibt es aber endlich Informationen darüber, wo die Notstromdieselgeneratoren stehen, nachzulesen in http://is.gd/LM2p1d. Das KKW Fort Calhoun hat demnach zwei Primärdieselgeneratoren, die bis zu einem Pegelstand von von 1014 Fuß (309,06 m) über NN vor Überflutung sicher seien. Weiter gibt Sekundärgeneratoren auf einer Höhe von 1036 Fuß (315,76 m). Bei einem Pegel von 1006,3 ft (306,71 m, Sonntag) sind also noch knapp 9 m Luft nach oben.

    Man rechnet mit einem weiteren Anstieg des Missouri um 61 cm – das dürfte ausreichen.

    Dann gibt es noch einen Fehler in eurem Artikel: Erst schreibt ihr, das Umspannwerk sei überflutet worden, weswegen man die Notstromdiesel angeworfen habe. Weiter unten schreibt ihr, wie weit der Fluß noch ansteigen müsse, um das Umspannwerk zu überfluten. Folgt man der von mir zitierten Quelle, hat man nach Versagen des Aquadams vorsichtshalber von der externen Stromversorgung auf die Dieselgeneratoren umgestellt – eine Maßnahme, die man später wieder rückgängig gemacht hat.

  2. Juergen am Juni 27th, 2011 10:37

    Das mit den Umspannwerken war missverständlich geschrieben, ja. Es gibt 2.
    Das große, hinter dem Kraftwerk und ein kleines direkt an den Gebäuden. Das ist vermutlich nur ein Trafo und ein Schalter.

    Die etwa 9 Meter Luft haben wir auch im Artikel erwähnt. Ich hatte 9,5 Meter errechnet und mich auf das Abklingbecken bezogen. Du hast aber recht, die zweiten Diesel fallen früher aus. Ich denke auch die Wasserpumpen und die Anlage zur Wasserbehandlung wird schon früher dran sein.

  3. Campact Blog | USA: Zwei Atomkraftwerke von Flut bedroht am Juni 27th, 2011 11:16

    [...] Wie die AntiAtomPiraten und verschiedene andere Websites berichten, ist am 26. Juni der letzte Schutz des AKW Fort Calhoun, [...]

  4. thomas am Juni 27th, 2011 18:53

    Die US-Behörden machen jetzt aber dicke Fehler.
    Auch heute dürfen die US-Nachrichtensender vorort
    keine Fotos des überfluteten AKWs in Calhoun zeigen.
    Der Einsatz von Gummischläuchen war ja auch kein
    Intelligenzbeweis der Techniker. Möglich wäre doch dass Bilder vom überfluteten AKW deswegen
    verboten sind weil darauf zu sehen wäre dass es gar keine Stromversorgung mehr gibt. Die Lichter sind aus. Die werden da wohl hilflos agieren. Dabei lässt man sich ungerne filmen. Ich kann mir nicht vorstellen dass ein überfluteter Industriekomplex noch funktionstüchtig ist. Da braucht man einen Taucher. Wie repariert man eine Steckdose die 2 meter unterwasser liegt?

  5. mats am Juni 27th, 2011 23:49

    Und in welcher Höhe befinden sich die Kühlwasserpumpen?

    Im Lizenz Report wurde angemahnt, daß die nur bis 10007 ft. 6 inches sicher seien,

    http://www.scribd.com/doc/58140783/Omaha-Public-Power-District-Licens
    ee-Event-Report-2011-003-Revision-1-for-the-Fort-Calhoun-Station

    aktuelles Video:
    http://www.marketwatch.com/video/asset/raw-video-power-plant-circled-%20by-flood-waters/D9651CA2-849A-41A4-A294-569D8078858B#!D9651CA2-849A-41A4-A294-569D8078858B

  6. Markus Merz | Hamburg St. Georg am Juni 28th, 2011 12:31

    27.6.: http://www.omaha.com/article/20110627/NEWS01/706279901/1101#flood-test-not-over-for-nuke-plant

    “Hanson said a piece of heavy equipment moving sand on the dry side of the water-filled dam, “brushed up” against it, causing it to rupture. The utility disconnected from the grid because the river water leaked through a cement barrier installed to protect the plant’s main transformer.”

    28.6.: http://www.omaha.com/article/20110628/NEWS01/706289909#nrc-chief-risk-very-low

    Bei ‘More photos’ oben rechts gibt es einen groben Übersichtsplan, der auch das alte Foto http://www.sfexaminer.com/files/4bdc3ec04beb270df00e6a706700ce98_0.jpg besser erklärt. Die knapp 10 Meter Sicherheitsreserve für das große Abklingbecken erscheinen etwas zweifelhaft, wenn man nur die Überschwemmungshöhe des Deiches nimmt. Oder ist das Dach des kleinen Gebäudes die Flutungshöhe?

    Die beiden eingebetteten Videos spielen bei mir nicht, aber ein aktuelles Video aus der Luft gibt es hier: http://www.marketwatch.com/video/asset/raw-video-power-plant-circled-by-flood-waters/D9651CA2-849A-41A4-A294-569D8078858B#!D9651CA2-849A-41A4-A294-569D8078858B

    > “Zu dem Zustand des auf den Bildern sichtbaren Tanklaster-Aufliegers sind keine Informationen bekannt.”

    Im Video steht er noch neben der kleinen Trafostation.

    Aktuelles aus Omaha auch hier: https://www.facebook.com/WorldHerald

  7. Markus Merz | Hamburg St. Georg am Juni 28th, 2011 12:38

    PS: Ein Blogger, der der Lage andauernd folgt: http://ncrenegade.com/. Die Berichterstattung, Kommentare und Schlussfolgerungen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen.

  8. Kine am Juni 28th, 2011 18:30

    Aktuelle Fotos des Betreibers OPPD vom 27.06.2011: http://oppdstorminfo.blogspot.com/2011/06/media-pool-stills-june-27-2011.html

Schreibe einen Kommentar