Fukushima und die Kernschmelze

Wir haben seit unserem Ticker schon lange nichts mehr dazu geschrieben.

Will man es kurz machen, kann man sagen:

  1. Es ist viel schlimmer als es scheint.
  2. Bisher verläuft die Katastrophe immer noch extrem glimpflich

Kernschmelze

Bereits nach den ersten Messungen von freigesetztem radioaktivem Jod, schon 30 Stunden nach dem Erdbeben, haben wir dies in unserem Ticker auf eine stattfindende Kernschmelze zurückgeführt:

Samstag 12.03.2011 (Tag 2):
13:53:
Dass freigesetztes Jod und Cäsium festgestellt wurde ist eigentlich nur mit einer Kernschmelze zu erklären. Diese Elemente sind eigentlich im Brennstab gekapselt. Sie können nur freigesetzt werden, wenn die Stäbe mechanisch beschädigt, bzw. angeschmolzen sind.

Kurz zuvor waren wir die ersten weltweit, die Berechnungen über die Ausbreitung der radioaktiven Wolke veröffentlicht haben. Diese Berechnungen wurden später auch von bekannten Medien übernommen. Erst Tage später gab es Berechnungen von “den Großen”.

Nachdem wir auf eine stattfindende Kernschmelze geschlossen haben und diesen Rückschluss am Samstag 12.03.2011 (Tag 2), 20:30 mit einer Argumentationskette belegt haben, wurden wir harscher Kritik der Panikmache ausgesetzt. Dabei hatten wir stets große Anstrengungen daran gesetzt, möglichst sachlich zu informieren.

Wie die Welt nun erfährt, hatten wir mit unserer Einschätzung recht. Leider.

Die Tagesschau veröffentlicht heute “neue” Erkenntnisse darüber, dass bereits in den ersten 3 Tagen der Brennstoff die Reaktorkerne verlassen hat. Spätestens jetzt ist es offiziell, dass es mindestens 3 Kernschmelzen in Fukushima gab. Die Kühlung sei bereits vor Eintreffen der Tsunami-Welle ausgefallen. Der Ausfall der Kühlung könnte mit einem seit 1971 bekannten Konstruktionsmangel dieses Reaktortyps zusammen hängen.

Auch in Europa sind noch solche Reaktoren und deren Nachfolger in Betrieb.

Zu den 4 Atommülllagern, den Abklingbecken innerhalb der Reaktorgebäude, wird derzeit nichts gesagt. Die Zukunft wird zeigen, wie die Salami-Taktik hier weiter geht.

 

Sicherheit der Kernkraftwerke

Mit dem Zugeständnis der Kernschmelzen ist nun offiziell, dass es weltweit mindestens 5 Kernschmelz-Unfälle in kommerziell betriebenen Kernkraftwerken gab. Das sind 1% aller je kommerziell betriebener Kernreaktoren. Das bedeutet, empirisch nachgewiesen beträgt das Risiko eines Super-Gau 1% pro in Betrieb genommener Reaktor.

Daraus könnte man für Deutschland eine Wahrscheinlichkeit von 23% ableiten, dass ein solches Ereignis eintritt, da Deutschland 26 Reaktoren betrieben hat und noch welche betreibt. Auf 16% käme man, wenn man “schönrechnet” und nur die 17 in Betrieb befindlichen Meiler berücksichtigt.

Wie ein solches Ereignis in Deutschland möglich ist, haben wir in einem separaten Artikel ausgeführt. Insgesamt wurden in Deutschland 110 kerntechnische Anlagen errichtet und man ist bisher mindestens 2 mal haarscharf an einem Super-Gau vorbei geschrammt.

Wollte man ein solches Ereignis in Deutschland versichern, kommen wir bei eigenen Berechnungen auf eine Versicherungsprämie, die umgelegt auf den Strompreis etwa 30€ pro kWh betragen müsste. Diese Versicherung zahlen die Steuerzahler. Kernkraftwerke sind die einzigen Kraftwerke, die nicht für den Schaden eines katastrophalen Versagens versichert sein müssen.

 

Unmengen kontaminiertes Kühlwasser

Zurück zu Fukushima. Der geschmolzene Brennstoff liegt dort nun am Boden des Reaktordruckbehälters (Nummer 22 im Bild), beziehungsweise hat sich auch mindestens teilweise durch diesen durchgeschmolzen und liegt dann im äusseren Sicherheitscontainment, der “Birne” (Nummer 30). (Siehe auch Veröffentlichung der GRS)

 

Das Kühlwasser, mit dem derzeit versucht wird den geschmolzenen Kern zu kühlen, kommt nun direkt mit den strahlenden Stoffen in Kontakt und schwemmt Teile davon mit aus. Dabei wird dieses Wasser hochradioaktiv kontaminiert. Es fallen riesige Mengen an hochradioaktiv kontaminiertem Wasser an. Im Normalbetrieb schützt eine Hülle aus Zirkonium das Wasser vor dem Kontakt mit dem spaltbaren Material.

Man geht davon aus, dass die Sicherheitsbehälter nicht mehr intakt sind. Dadurch kommt es zu der beobachteten Freisetzung des hochradioaktiv kontaminierten Wassers in die Umwelt, das Meer und das Grundwasser unter dem Kernkraftwerk. Zudem kann sich das Wasser einen Weg über die Hydraulikleitungen (Nummer 26) nach draußen suchen. Es gibt Überlegungen, ob oder wie es möglich wäre, eine Sicherheitswanne unter dem Kernkraftwerk zu errichten.

Schätzungen gehen davon aus, dass die Arbeiten am havarierten Kernkraftwerk noch mindestens 30 Jahre andauern werden müssen.

 

Krisenmanagement

Zum Schutz der Bevölkerung wurden inzwischen die Grenzwerte für verstrahlte Lebensmittel angehoben. Der zuständige Atomberater der japanischen Regierung ist daraufhin unter Tränen der Verzweiflung zurückgetreten. Er könne diese Entscheidung nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Gerade für Japan ein außergewöhnliches Ereignis.

Tatsächlich ist es so, dass keine Strahlung ungefährlich ist. Strahlenschäden sind ein zufälliger Prozess, der den meisten Schaden anrichtet, wenn die Strahlung auf eine sich gerade teilende Zelle trifft. Daher sind lang anhaltende oder wiederholte Strahlungsdosen “effektiver”, als kurzzeitige Strahleneinwirkung, auch bei deutlich höheren Dosen.

In der Medizin wird dieser Effekt zur Bekämpfung von Tumorzellen genutzt. Beim Strahlenschutz wird bei der Bewertung von Strahlung dieser Effekt verneint und nicht berücksichtigt. Verlässliche Grenzwerte, wie zum Beispiel bei Giften, gibt es bei Strahlung nicht.

Dass die Menschen nicht und nicht schon früher aus weiteren Gebieten um das Kernkraftwerk evakuiert wurden ist medizinisch ein Verbrechen. Zur Erinnerung, die verstrahlten Gebiete Japans liegen windabseits des Kernkraftwerks. Der Westwind bläst die freigesetzte Radioaktivität auf das Meer hinaus. In Deutschland wäre das betroffene Gebiet um Größenordnungen größer und würde vermutlich die Landesgrenzen überschreiten.

 

Lehren

Am Krisenmanagement der Japaner kann man erkennen, wie man im Ernstfall mit einer solchen Situation um geht. Das erste, was bei einem solchen Ereignis stirbt, das ist die Wahrheit. – Wenn wir die Politik betrachten, dann ist die Wahrheit bezüglich Kernenergie auch schon vorher verloren gegangen. Deutschland ist auf eine solche Katastrophe nicht vorbereitet. Es geht auch garnicht. Im Fukushima hat man großes Glück, dass das Kernkraftwerk an der Ostküste liegt.

Es gibt nur einen Weg, vernünftig mit Kernenergie um zu gehen:
Man hätte nie damit anfangen dürfen,
so Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, oder auch Hans Matthöfer, Bundesforschungsminister 1974-1978, hier allerdings mit dem Fokus auf das Müll-Problem.

Deutschland und auch Spanien beweisen im Moment in einem ungewöhnlichen Stresstest, dass es auch ohne Kernkraft geht. Ein Ausstieg auch bis 2012 wäre möglich, wenn man wirklich will, so der BUND. Selbst die Grünen, als zweit-progressivste Partei der im Bundestag vertretenen Parteien, liegen mit ihrer Forderung, Ausstieg bis 2017, weit von einem “schnellen Ausstieg” entfernt.

 

Trivia

Möchte man Messgeräte zum Messen von Radioaktivität herstellen, kann man dazu heute hergestellte Metalle nicht verwenden. Diese sind für ein solches Messgerät zu sehr mit Radioaktivität belastet. Daher verwendet man für die Metallteile solcher Geräte Metall aus Schiffswracks, die vor den ersten Atombomben-Versuchen gesunken sind. Besonders beliebt war die Flotte der deutschen Kaiserlichen Marine des ersten Weltkriegs, bis diese 1995 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die deutsche Flotte hat sich in einer schottischen Bucht selbst versenkt und ist daher leicht zugänglich.

 

Links

Du magst diesen Artikel? Teile ihn mit anderen:

Kommentare

3 Kommentare zu “Fukushima und die Kernschmelze”

  1. posbi am Mai 24th, 2011 09:56

    Und was ist damit?
    http://enenews.com/radiation-at-reactor-no-1-skyrockets-now-over-200-sieverts-per-hour

    200Sv/h deutet angeblich darauf hin, dass sich die Kernschmelze durchgefressen hat und jetzt im Keller auf dem Betonboden liegt. Nächster Halt: Grundwasser mit Dampfexplosion!

  2. Juergen am Mai 24th, 2011 10:08

    Ich vermute, dein “Keller” ist der im Beitrag genannte äußre Sicherheitsbehälter, die “Birne”.

  3. Uli am Mai 26th, 2011 07:11

    Zitat: “Das erste, was bei einem solchen Ereignis stirbt, das ist die Wahrheit.”

    Für mich eine Kernaussage. Sie beinhaltet alles, wie Desinformation und Manipulation von Massen in Massen.
    Remember: Kurze Zeit danach wurden die Fukushima “News” durch einen gestorbenen Eisbär (Knut) versucht nach unten zu drücken, dann setzte man uns vor das ein “Top-Terrorist” erlegt wurde.

    ABSCHALTEN! Jetzt, für immer und weltweit.

Schreibe einen Kommentar