Tschernobyl: Braucht man den Sarkophag II ?
Die internationale Gemeinschaft hat beschlossen, 550 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, um den Reaktorblock 4 im havarierten Kernkraftwerk Tschernobyl mit einer großen Kuppel zu überspannen.
Dies sei notwendig, da sich noch ca. 180 der 190 Tonnen Kernbrennstoff innerhalb der Ruine befinden und der bisherige Sarkophag rissig sei.
Tatsächlich hat der Sarkophag bis zu metergroße Risse. Diese sind auf Filmaufnahmen aus dem Inneren des Reaktorblocks deutlich zu erkennen. Wasser dringt schon seit Jahren ein. Tatsächlich war das Gebäude wohl noch nie dicht gewesen. Es drängt sich die Frage auf, warum der löchrige Verschlag 25 Jahre lang sicher genug war und nun eine dichte Lösung gefordert wird.
Benötigt man wirklich einen neuen Sarkophag?
Es gibt Experten, die dies bezweifeln.
Die Experten, die zu dem Schluss kommen, dass ein neues Schutzgebäude notwendig ist, berufen sich bei ihren Einschätzungen im Wesentlichen auf Daten, die nur wenige Wochen nach dem Unglück veröffentlicht wurden.
Dabei kamen die sowjetischen Experten zu dem Schluss, dass ca. 3,5% des radioaktiven Inventars bei der Katastrophe freigesetzt wurde und sich der Rest immer noch im Gebäude befindet. Diese damals veröffentlichten Daten entsprachen ziemlich exakt schon zuvor veröffentlichten, westlichen Abschätzungen von Experten, die nie vor Ort waren.
Wurden diese Messdaten vor Ort überprüft?
Hier gehen die Meinungen auseinander. Wir haben bei einer Kurz-Recherche nur eine Quelle gefunden, die angibt, diese Daten seien vor Ort verifiziert worden. Das war in einem Beitrag des atw, der Zeitschrift des Deutschen Atomforums, ein Organ der Kernenergie-Lobby. Der Beitrag steht in Heft 2 des Jahres 2011. Gleich im Folgesatz wird aber wieder darauf verwiesen, dass es sich bei den Beschreibungen der Situation im Reaktorblock um eine angenommene Situation handelt.
Im ersten Moment liegt die Vermutung nahe, dass es unmöglich sein muss, an diesen Ort vorzudringen, um tatsächlich die Situation vor Ort zu erkunden.
Tatsächlich ist dies aber nicht unmöglich. Konstantin Tschetscherow, Physiker am Moskauer Kurtschatow-Institut hat die Ruine mehrfach von innen inspiziert und auch umfangreiches Videomaterial erstellt.
Wo ist der Brennstoff?
Wir haben mit Dr. Sebastian Pflugbeil gesprochen. Dr. Pflugbeil ist einer der wenigen Wissenschaftler, die den Reaktorblock unter dem Sarkophag inspiziert haben. Zusammen mit Tschetscherow war er im Jahr 2001 im Reaktorgebäude des explodierten Reaktorblocks in Tschernobyl.
Mehr aus diesem Interview in Kürze bei den AntiAtomPiraten, doch soviel sei schon verraten:
Im Kernkraftwerk ist der Kernbrennstoff nicht zu finden.
Ausschnitt aus der Dokumentation: Der Millionensarg, ZDF, 2002
Links
- Demos der Woche: 25 Jahre Tschernobyl
Am 25. April, 12 mal in Deutschland - Dokumentation: Der Millionensarg, ZDF, 2002
Dr. Pflugbeil und Konstantin Tschetscherov erkunden die Ruine des explodierten Kernkraftwerks. - Der Unfall von Tschernobyl 1986, atw Heft 2, 2011
Publikation der Kernenergie-Lobby - Pressemitteilung des ZDF zur Dokumentation “Der Millionensarg”
- Tschernobyl: Der zweite Sarkophag – Die Geldmaschine
aus: Strahlentelex 362-363 vom 7. Februar 2002 - Stellungnahme der GRS zu Tschetscherov und Pflugbeil
Kommentare
4 Kommentare zu “Tschernobyl: Braucht man den Sarkophag II ?”
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Alle AKW waren auch im Normalbetrieb ein Super Gau!
So werden viele Generationen nach uns über unser Zeitalter sprechen!
Man stelle sich vor, die Neandertaler hätten AKW gehabt.
Wir müssten uns heute noch mit ihrem Abfall herumschlagen!
Tolle Sache. Man wird irgendwie immer belogen, sowohl von denen, die eine Katastrophe vertuschen wollen, als auch nachher von denen, die sich an den Geldern für eine angebliche Schutzhülle bereichern wollen.
Faszinierend. Je mehr man von diesem ganzen Irrsinn hört, desto mehr bekommt man das Gefühl, dass wir täglich vor ähnlichen Katastrophen stehen, schlicht, weil sich dieses Lügen und Betrügen leider durch alle elementar wichtigen Schichten zieht, die auf der ganzen Welt mit hochgefährlichen Techniken herumspielen.
*schauder*
Sehe gerade schweren Auslegungsfehler im ersten Satz:
“Die internationale Gemeinschaft hat beschlossen, 550 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen, …”
Millionen
Also was die Thesen von Pflugbeil und Tschetscherow betrifft, werde ich das Gefühl nicht los, dass das eher eine Art Verschwörungstheorie ist. Vielleicht sollte man hier noch die Tschernobyl-Infos der GRS verlinken:
http://www.grs.de/node/882
Dort findet sich eine detaillierte Darstellung der Mainstream-Meinung zum Verbleib des Kernbrennstoffs und auch eine, für sich genommen allerdings nicht sehr ergiebige und etwas persönlich geratene, Stellungnahme zur Tschetscherow-These.