Seit 1971: Versagen des Notkühlsystems beim Reaktortyp Fukushima als Designfehler bestätigt
Adam Curtis berichtet in seinem Blog der BBC aus einem Film, den er einmal gemacht hat und der sich mit der Kerntechnik befasst. Der Film ist online abrufbar. Adam Curtis kommt bei seinen Recherchen zur folgenden Erkenntnis:
Bereits 1964 waren US Regierungsmitgliedern mögliche gravierende Sicherheitsmängel von Siedewasserreaktoren bekannt. Von Siedewasserreaktoren des Typs GE Mark I, wie die, die nun in Fukushima verunfallt sind. Diese Warnungen wurden aber fortlaufend ignoriert.
1966 versuchte die Reaktorsicherheitskommission der US Regierung ein Neudesign dieses Reaktortyps durchzusetzen, um die Sicherheit zu erhöhen. Der Hersteller, General Electric, verweigerte dies jedoch.
General Electric hat auch 3 Reaktoren in Fukushima errichtet (die ersten beiden sowie Block 6 wurden von General Electric gebaut, Block 3 und 5 von Toshiba und Block 4 von Hitachi).
1971 wurde von der Atombehörde dann eine Reihe von Tests zur Bewertung des Kühlsystems durchgeführt. Es wurden Unfälle simuliert. In jedem dieser simulierten Störfälle arbeitete das Notsystem einwandfrei – aber es gelang nicht den Reaktorkern mit Wasser zu versorgen. Der Wasserspiegel sank aufgrund der hohen Drücke.
Eben dieses Verhalten zeigten auch die Reaktoren in Fukushima.
Ein Wissenschaftler wird in dem genannten Film zitiert mit den Worten: “Wir haben festgestellt dass unsere theoretischen Berechnungen mit der Realität nicht sonderlich übereinstimmen. Aber wir konnten nicht einfach hergehen und vor der Öffentlichkeit zugeben, dass all die Sicherheitssysteme, mit denen wir die Menschen beruhigen, möglicherweise nichts taugen.“
Joseph M. Hendrie, Technischer Direktor und später Vorsitzende der Amerikanischen Atomenergiebehörde, kam 1972 in seiner Stellungnahme zu den Erkenntnissen zu einem noch deutlicheren Ergebnis. Er sah die Zukunft der Kernenergie akut gefährdet, sollten die Bedenken Publik gemacht, entsprechende Maßnahmen zur Sicherheit ergriffen und dieser Reaktortyp verboten werden. 40 solcher Anlagen waren bereits in Betrieb, bisher gab es lediglich zwei bekannte Hinweise aus deren Betrieb, die eines der genannten Probleme tangiert haben (nicht schließende Vakuum-Ventile). Er befürchtete mehr Ärger, als er sich je vorstellen könnte. Es wurden keine entsprechenden Maßnahmen ergriffen:
“Reveal of this hallowed policy, particulary at this time, could well be the end of nuclear power. It would throw into question the continued operation of licensed plants, could make unlicensable the GE and Westinghouse ice condenser plants now in review and would generally create more turmoil than I can think about.”
(Joseph M. Hendrie, 1972-09-25)
Übersetzt: “Das veröffentlichen dieses lobenswerten Vorschlags, ganz besonders zu diesem Zeitpunkt, könnte gut und gerne das Ende der Kernenergie bedeuten. Es würde Fragen nach dem Weiterbetrieb der bereits genehmigten Kraftwerke aufwerfen, es könnte die Freigabe der GE [Anm.: General Electric] und Westinghouse Eis-Kondensator Kraftwerke unmöglich machen, deren Freigabe gerade geprüft wird, und es würde für mehr Ärger sorgen, als ich mir überhaupt vorstellen kann.” (Joseph M. Hendrie, 1972-09-25)
Das war ein Jahr, nach dem Fukushima 1 (Daiichi) in Dienst gestellt wurde. In Fukushima ist ziemlich genau das passiert, was damals befürchtet wurde.
1986 Kam die Vermutung auf, dass der Reaktordruckbehälter bei einer Überhitzung des Reaktors mit einer Wahrscheinlichkeit von 90% versagen würde. Als Gegenmaßnahme wurde diese Wahrscheinlichkeit neu geschätzt und danach mit 10% angegeben. In Fukushima hat mindestens der Reaktordruckbehälter des Reaktors No.2 versagt.
Der Reaktortyp GE Mark I ist weltweit noch 32 mal im Einsatz (Stand 2010). Das sind etwa 8% der in Betrieb befindlichen, kommerziellen Reaktoren. Keiner dieser Reaktoren wurde nach der Katastrophe von Fukushima außer Dienst gestellt. Lediglich in Japan sind die meisten Kernkraftwerke herunter gefahren. Die Betreiber möchten diese jedoch schnellst möglich wieder ans Netz bringen. Auch Tepco möchte die 6 verbliebenen Reaktoren in Fukushima wieder hoch fahren.
Links
- Original Dokumente aus 1971 und 1972 zu dem Problem
- Darlegung von Problemen, 1971
Teilweise Stellungnahmen des Herstellers General Eletcrics (GE):
Probleme sollten näher untersucht werden bzw. Fehlerfall sei zu unwahrscheinlich als das man sich kümmern müsste. - Memo von Steven Hanauer, 1971
Er empfieht für diesen Reaktortyp keine Genehmigungen mehr zu erteilen - Memo von Joseph Hendrie, Sicherheitschef der US Atomenergiebehörde, 1972
Er stimmt den Bedenken zu, sieht aber keine Möglichkeit zu handeln, da er bei einem Handeln derartige Auswirkungen befürchtet, dass dies das sehr wahrscheinlich das Ende der Kernenergie bedeuten könnte
(“could well mean the end of nuclear power”)
- Darlegung von Problemen, 1971
- Weitere Links
- Wie sicher ist das neue AKW-Flaggschiff AP1000?
- Verlust des Kühlwassers nach Überhitzen
Vermutlich ebenfalls ein Konstruktionsfehler - Einschätzung zum Zustand der Kühlung
- Detailliertere Erklärung des Aufbaus des Reaktors
- Blog von Adam Curtis bei der BBC (englisch)
- Film: A is for Atom (englisch)
- Ausführliche Darlegung (englisch)
- Weitere Webseite mit Verweis auf früh bekannte Mängel (englisch)
- Bericht der New York Times (englisch)
- Power Corrupts – Nuclear Power Corrupts Absolutely (englisch)
Artikel über das Wissen und die Tatenlosigkeit - General Electric und die Sicherheit der Fukushima-Reaktoren (Telepolis, 2011)
Dokumentarfilm A is for Atom
Kommentare
15 Kommentare zu “Seit 1971: Versagen des Notkühlsystems beim Reaktortyp Fukushima als Designfehler bestätigt”
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Ich bin traurig wenn ich sehe was in Japan passiert. Man kann sich nicht ausmahlen was die Bevölkerung ertragen muss.
Aber wir alle wollen Energie. Sie muss billig sein und immer vorhanden sein.
Ich bezweifle das jeder deutsche in der Lage oder willens ist mehr Geld für seinen Strom zu bezahlen. Und wenn es dann 80€ mehr im Monat sind die man für Strom bezahlen muss dann ist das geschrei groß. Ich wäre auch eine die sich dann keinen Strom mehr leisten könnte.
Aber gut. Nehmen wir mal an wir schalten ab- was haben wir dann? Mit abschalten ist es nicht getan denn der mist strahlt ja weiter. Und wohin mit dem Müll? Ein Endlager wollen wir ja auch nicht.
Und so ein Kraftwerk muss ja dann auch zurückgebaut werden oder?
da nützt auch das Anketten an Zuggeleise nix.
Und mit Blauäugigem Umweltschutz Träumen kommt man da auch nicht weiter.
Adam Curtis Film “A is for atom” (1992), länge 45 Minuten ist der 6. Teil der Serie Pandorra und der 2. Teil der 3. DVD
http://www.archive.org/details/Pandoras_Box_DVD_3_of_3
http://www.archive.org/download/Pandoras_Box_DVD_3_of_3/Pandoras_Box_DVD_3_of_3.iso
Seit 1971: Versagen des Notkühlsystems beim Reaktortyp Fukushima als Designfehler bekannt…
Die Notkühlsysteme in Fukushima haben versagt. Theoretisch sollten sie selbst bei einem kompletten Stromausfall funktionieren, da sie nur mit dem Dampf des Reaktors benötigen sollten. Der Grund für den verheerenden Ausfall könnte sein, dass sie wegen e…
Wer weiter für Atomstrom ist, soll verpflichtend an
Liqidationsübungen teilnehmen und bei Bedarf dann mit militärischer
Begleitung und einer Schaufel zum betroffenen AKW kommen.
Wer sich weigert wird erschossen!
Nur so wäre da mal Kostenwahrheit gegeben.
Wer das für ein paar cent weniger pro kWh macht, OK!
Als Tschernobyl havarierte analysierte Franz Josef Strauss mit messerscharfen Bayernverstand heraus, das dies die kommunistisch determinierte Katastrophe schlechthin sei und prompt brach der 3 Jahre später auch zusammen.
Kann ich jetzt hoffen, dass in 3 Jahren auch der offensichtlich genauso unfähige Kapitalismus den Löffel abgibt?
Wohl kaum, denn der hat immer noch genügend Bananen!
[...] Seit 1971: Versagen des Notkühlsystems beim Reaktortyp Fukushima als Designfehler bekannt [...]
[...] [...]
Der BBC Film Pandora zeigt Filmmaterial aus Tschernobyl von vor fast 25 Jahren, gedreht vom Kameramann Wladimir Schewtschenko. Mehr Filmmaterial von Ihm findet man über diese Webseite:
http://www.elenafilatova.com/
(z.B. Chronicle of severe days/Chronik Strenger Tage)
——
Großes Dank an die Macher von anti-atom-piraten!!!
Auf der verlinkten Seite wurden Dinge angesprochen, die so noch nie diskutiert wurden.
Kann das bitte mal geprüft werden?
Wir haben Links zu original Dokumenten aus den Jahren 1971 und 1972 angefügt.
[...] Power Corrupts – Nuclear Power Corrupts Absolutely (englisch) Artikel über das Wissen und die Tatenlosigkeit [...]
[...] wie die, die nun in Fukushima verunfallt sind. Diese Warnungen wurden aber fortlaufend ignoriert. (mehr [...]
[...] wie die, die nun in Fukushima verunfallt sind. Diese Warnungen wurden aber fortlaufend ignoriert. (mehr [...]
[...] nächsten zehn Jahre will das Unternehmen unter anderem die Brennstäbe aus den Reaktoren Seit 1971: Versagen des Notkühlsystems beim Reaktortyp Fukushima General Electric hat auch 3 Reaktoren in Fukushima errichtet die ersten beiden sowie Block 6 wurden [...]
[...] Hier (Engl. Quelle) und hier (deutsch) ist von einem abgeblich seit Jahrzehnten bekannten Konstruktionsfehler die Rede. Die [...]